Wider der eigenen Verstricktheit: Deichkinds „Arbeit nervt“

Paul Lafargue („Recht auf Faulheit“), Jeans Team („Faul“) und Tocotronic („Luft“) haben, unterschiedlich kontemplativ und teilweise in ganz erheblichen Abständen, ihre popkulturellen Manifeste gegen die Arbeit hervorgebracht.
Während nun Deichkind mit „Arbeit nervt“, nach „RemmiDemmi“ und – nicht zuletzt auch wegen Ed-Banger-Parties in Mittelstädten, Egotronics Torsun und „Raven gegen Deutschland“ – ihren nächsten auch chartmäßig erfolgreichen Titel veröffentlichen, hats Ted Gaier als Zeit-Autor – ganz und gar als einer also, der seinen (im Dokumentarfilm „Golden Lemons“ geäußerten) Wunsch, dass sich seine „erarbeitete Credibility“ irgendwann einmal als „verwertbares Hochkulturkriterium“ umschlägt (was mit einer Gastautorenschaft durchaus als gelungen bezeichnet werden darf), mit der Moral und dem richtigem Leben im falschen.
Gaier scheint nicht an eine Ernsthaftigkeit oder Authentizität(sic!) einer emanzipatorischen Messages Deichkinds zu glauben, als er während der Jägermeister-Rock-Liga einen der Band zu fassen bekommt und er damit auch nur halbüberfahren wird, dass Deichkind „einfach Freude daran hat, wenn […] viele Leute […] auf welche Art auch immer in Wallung kommen würden“:

Backstage treffe ich vor dem Konzert Phillip und DJ Phono von Deichkind. Sie sind guter Dinge, wenngleich leicht angesäuert, da sie ihre selbst gebaute Saufmaschine, die »Zitze«, aus Platzgründen heute nicht einsetzen dürfen. Selten deckt sich das Publikumsprofil einer Band so harmonisch mit dem des Sponsors wie im Fall von Deichkind. Keine verkrampfte musikalische Ambitioniertheit, keine Fesseln durch puristische Erwartungshaltungen seitens der Anhängerschaft, keine Ideale, die zu verraten wären.

In sonst langweiligen Interview („Wie kam es überhaupt zu dem Besetzungswechsel?“) auf intro.de kontern Deichkind da, wo es der Sache nach gar nichts zu kontern gibt:

Ihr habt zwei Mal bei der Jägermeister Rockliga mitgemacht. Ted Gaier hat in der Zeit kritisch über diese Veranstaltung geschrieben und euch in dem Text vorgeworfen, ihr und eure Fans hättet „keine Ideale, die zu verraten wären“. Stimmt das?
Philipp: Das stimmt!
DJ Phono: Ich denke, es ist auch ein Ideal, keine Ideale zu haben.

Auf die Frage, was es bringt, wenn „Arbeit nervt“ in den Formatradios rauf- und runterläuft, muß man gegen Gaier und richtig „viel“ oder „nichts“ antworten, bzw. hält es lieber mit Kullas offener Fragerei:

Welcher Arbeitsbegriff dem zugrundeliegt? Inwiefern das Kompensation ist? Wie das Spaß essentialisiert? Warum der Konsum keine Arbeit sein soll? Wer’s statt der Genervten tut? Ob der Queen-Part zum Schluß sein muß?

Eh klar. Keine Ahnung. Macht mal.


1 Antwort auf “Wider der eigenen Verstricktheit: Deichkinds „Arbeit nervt“”


  1. 1 susi 19. September 2008 um 11:41 Uhr

    “verwertbares Hochkulturkriterium” ?

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