Fuck Street-Art! Ist das schon der Aufstand der Zeichen? – SPAIRS Manifest zwischen gut gemeint und Herrschaftszeit

Von Anbeginn lenkt die Akzentverschiebung der Genie-Ästhetik auf den Einzelnen, wie sehr sie auch der schlechten Allgemeinheit opponiert, auch von der Gesellschaft ab, indem sie den Einzelnen verabsolutiert

(Adorno, ÄT: 255)

Selten adressieren writer etwas zur Absicht ihres Tuns an die, die davon nichts verstehen. Es sei denn er oder sie sieht sich dazu gezwungen, im zuge einer Verschärfung des Rechts in dieser Sache zum Beispiel: „Graffiti ist kein Verbrechen – Gegen die Kriminalisierung einer Jugendkultur!“ bellt es dann immergleich fürs Protokoll.
Diesem Wunsch – formuliert als metaphysischer Zauberspruch – implizit: Anerkennung und Integration dessen wogegen sich Baudrillards der Aufstand der Zeichen gewendet sah – gegen die Verhältnisse (den Code als Ausdruck1 ) und für das befreite Subjekt.
Ungeachtet dessen – und schlimmer noch – in der Semantik die Verhältnisse reproduzierend, bringt der Berliner graffiti-artist SPAIR 2005 ein writer-Manifest „Fuck Street Art“ eben gegen Streetart in Stellung, genau so, wie es zwei Jahre später Splasher parteinehmend für eine „avantgardistische“ Streetart, in Abgrenzung zum vom Kapital vereinnahmten (sic!) artists wie Shepard Fairey oder Caledonia tat (klick).
spair.jpg

Ähnlich wie Splasher, sieht auch SPAIR kaum klar, halluziniert sich in ein Gut-Böse-Schema, bei dem das Neue („streetart ist neu“) das Fremde, das Schwache („streetart ist schwach“) und damit das Abzulehndene – das Traditionelle, das zu Verteidigende sei. 2 Streetart erfährt dabei die Zuschreibung des parasitären, eine Zuschreibung, die es selbstversichernd und abhebend auf Kategorien wie Authentizität, Tradition und Originalität zulässt, nichts mehr als ein Pimmelhobby („Sinn für Stellen“) derart aufzublasen („streetart respektiert writing nicht“). SPAIRS Argumentation bemüht sich nicht einmal darum normativ bürgerliche Standards anzugehen – im Gegenteil entwickelt er aus dieser, einer auch immer von Sozialneid geprägten Perspektive („Streetart ist doch Pippifax“), ein Interesse am Backlashplädoyer für „richtige Arbeit“ und Regelwerke („bei Buchstaben gibt es Regeln an die man sich halten muss“).
„Es ist ja wohl Fakt“, schreibt er endlich „dass es um einiges Kraftvoller ist, wenn man mit Farbe an ein Haus malt als wenn man seinem Billig-Poster[…] in die Straßen klebt (Fehler im Original)“ und argumentiert damit kulminierend und explizit mit esotherischen Begriffen wie etwa die Genie-Ästhetik, schwingt sich auf zum Anwalt der Idee des Schöpfertums.
Diese Idee „der Glorifizierung (des) reinen Schöpfertums […] behagt dem bürgerlichen Vulgärbewußtsein, ebenso wegen des Arbeitsethos […] weil dem Betrachter die Bemühung um die Sache abgenommen wird: man speist ihn mit der Persönlichkeit, am Ende der Kitschbiographik der Künstler ab“ (Adorno: ÄT S.255). Nur wenn es gelingt, die Bemühungen SPAIRS, eine derartige Künstlerbiografie zu konstruieren, als Auswurf pathologischen Geistes des bürgerlichen Subjekts zu begreifen – kann dieses „manifest“ in seiner tragisch rebellischen Verkehrung überhaupt nachvollzogen werden.

  1. Denn, und das muss heute, anders als damals, nicht mehr vorrausgesagt werden, hat Sphäre der materiellen Produktion längst die Stadt verlassen. Das System kann die produzierende Fabrikstadt, Zeit/Raum der Ware und der gesellschaftlchen Warenverhältnisse, entbehren: „Nicht entbehren kann sie hingegen das Urbane als Zeit/Raum des Codes der Produktion … Denn die zentrale Stelllung des Codes ist heute die eigentliche Definition der Macht: das Urbane (und nicht mehr die Stadt) als Zentralstelle des Codes.“ Weil gilt, dass auf Ebene der Codes weiterhin ein Interesse am Unterschied zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen, zwischen SenderInnen und EmpfängerInnen bestehen soll, darin „heute die wirkliche Form gesellschaftlicher Herrschaft liegt.“(Baudrillard 1978) [zurück]
  2. siehe Elias u. Scotson: Etablierte und Außenseiter [zurück]

16 Antworten auf “Fuck Street-Art! Ist das schon der Aufstand der Zeichen? – SPAIRS Manifest zwischen gut gemeint und Herrschaftszeit”


  1. 1 susi 17. November 2008 um 15:04 Uhr

    fuck yourself spair/ich bin auch nur pöbel
    http://flickr.com/photos/tags/!!fuck-_-streetart$$/show

  2. 2 unkultur 19. November 2008 um 11:13 Uhr

    Gould hatte das Spair-Manifest in einem Vortrag auch erwähnt, allerdings fand er das Manifest ganz gut: http://unkultur.olifani.de/?p=179

  3. 3 feierabendklaus 07. Januar 2009 um 17:15 Uhr

    nur weil man möglichst kompliziert und unverständlich schreibt, wird das geschriebene nicht richtiger. und nur weil spair oft nicht genügend differenziert und polemisch argumentiert, wird sein text dadurch nicht falscher.

    genauso wie spair scheint der autor auch einfach nur beleidigt zu sein. es hagelt in beiden texten nicht bewiesene unterstellungen, die den eigenen standpunkt untermauern sollen. nur kann (oder will) sich der autor dieses textes scheinbar gewählter ausdrücken und man bekommt den eindruck, er versteckt sich ein wenig hinter dieser vermeintlichen sachlichkeit. objektiv argumentieren ist zumindest etwas anderes (die richtigkeit eines textes untergraben, indem man auf rechtschreibfehler hinweist?! da hört’s echt auf).

    wie dem auch sei, ich kann spair nachvollziehen. streetart wird in letzter zeit sehr gehyped, leute springen auf, springen ab und zwischendurch macht man dann mal schnell ein bisschen kunst. es wird vom großteil der gesellschaft als „hip“ oder zumindest als „ohne gefährdungspotenzial“ anerkannt und als streetartler muss man sehr wenig negatives in kauf nehmen im vergleich zum „writing“, das sich durch hohe materialkosten, hohes risiko und kaum anerkennung außerhalb der szene als etwas künstlerisch wertvolles auszeichnet. ganz im gegenteil, es gilt eher als ein zeichen der verwahrlosung.

    dadurch, dass die kosten-nutzen-rechnung bei streetart oberflächlich betrachtet sehr viel günstiger ausfällt, als es bei writing der fall ist, hat scheinbar jeder 2. hippster das bedürfnis, sich mal total künstlerisch zu betätigen. was an sich nichts schlechtes ist. nur leider kommt bei den meisten wenig hochwertiges raus. zumindest bei denen, die sich eher kurz und aus image-gründen damit auseinandersetzen. trotzdem ist man in kürzester zeit unter gleichgesinnten und in der öffentlichkeit als künstler und gestalter des öffentlichen raums geschätzt und geachtet. man wird gefeiert und feiert sich auch gerne mal selbst. in der zeit, die ein writer benötigt, um erstmal die grundlagen von buchstaben zu verstehen, kann ein streetartler schon ein local hero sein. 6 wochen sommerferien und man ist all city in berlin.

    allerdings gilt hier meines erachtens der grundsatz „was nix kost‘, is‘ auch nix“. der fame, den einige streetartler inne haben, ist schon fast lächerlich gemessen am aufwand, den sie dafür betreiben mussten.

    verglichen damit haben writer, die (vor allem im illegalen bereich) wirklich bekannt sind, höllenqualen erlittern. und der prozess, den sie durchlaufen müssen, um sich ihre fähigkeiten anzueignen, dauert viele jahre. die meisten writer, die ich als wirklich gut ansehe, malen mindestens 10-12 jahre.

    es ist genau wie überall anders auch. der mensch lebt von anerkennung. und wenn sich jemand den arsch aufreißt und seit 10 jahren am start ist und dann in die schublade „nichtsnutziger vandale“ gesteckt wird (am besten noch in verbindung mit einem riesen vorstrafenregister). und im gegensatz dazu wird irgendein weiterer streetartler, der seit nem jahr halbgare motive in die gegend klebt, vom feuilleton in höchsten tönen gelobt.

    da darf man schon mal polemisch werden.

    ich sage nicht, dass streetart scheiße ist und ich sage auch nicht, dass jedes graffiti ein brenner ist. es gibt gute und schlechte maler, genauso wie es gute und schlechte streetartler gibt.

    ich könnte jetzt noch auf viele weitere aspekte eingehen, hab ich aber jetzt keine lust zu. ich denke, mein standpunkt is klar genug geworden.

    writern gebührt mehr respekt. vor allem von seiten der streetart.
    auch wenn es einige streetartler gibt, die interessante ideen haben…es hat schon seinen grund, warum ein originalgemälde mehr wert ist als ein kunstdruck.

    in diesem sinne

  4. 4 susi 07. Januar 2009 um 17:45 Uhr

    Eventuell, und da möchte ich dir, lieber Feierabendklaus, nicht zu nahe treten, solltest du den Text nochmal lesen. Leider argumentierst du genau wie SPAIR und untermauerst damit eigentlich nur die im von dir kritisierten Text aufgestellten Thesen.

  5. 5 xpx 07. Januar 2009 um 19:59 Uhr

    grundsätzlich war es noch nie ein kunstgriff, einen beitrag mit der bekundung des eigenen unverständnisses zu beginnen, drückt man damit einhergehend seine ahnungslosigkeit in sachen ausdruck aus und vergleicht in gleichsetzender-manier ausdruck des niveau-tieffliegers spair mit dem, für dieses manifest, viel zu aufwendigem postings, ist hopfen und malz bereits verloren.
    genau wie spair scheint der verfasser des vorigen kommentars nicht nur seine eigene beschränktheit zu glorifizieren und sie jedem vor die nase halten zu wollen, sondern zeigt offen, angeblich um differenziertheit bemüht (im stile von „mimimimi guckmal mutti, ich kritisier beide seiten“), seine emotionale bindung und solidarität mit diesen verwahrlosten halunken, die frei nach dem motto, lieber scheiße auffalen, als gar keine aufmerksamkeit, um die beachtung betteln, die ihnen ihre eltern als kind schon verwehrten. noch schlimmer, wenn nun ein neues hübscheres geschwisterchen dazustößt, in dessen schatten das eigene ego nun noch weiter zu verkümmern droht. da muss sich der kleingeist halt überlegen, wie er sich nun noch selbst legitimieren kann und grefit halt gerne mal ganz tief in’s klo und feiert seinen eigenen stumpfsinn, der arbeit und aufwand über alles stellt. die bindung zu diesen leuten ist es also, die einen feierabendklaus dazu trieben, seine geistige armseligkeit
    offen kundzutun und für die writer eine lanze brechenzuwollen. dass ihm dies einfach gar nicht gelingen konnte, liegt auf der hand, seine geheuchelte objektivität, mit der er nur sehr sehr fadenscheinig versucht sein writer-aids zu verdecken, lässt an dem, was niemand verneinen wollte auch keinen zweifel aufkommen.

  6. 6 rtrdd 08. Januar 2009 um 0:19 Uhr

    uih…pretentiöse heiße luft hier

  7. 7 the artist formerly known as feierabendklaus 08. Januar 2009 um 0:25 Uhr

    :d/

    yeahyeah…ich liebe diesen smilie. schaut nur, wie er tanzt.

    ach übrigens: streetart is voll scheiße und schwul und ihr seid auch scheiße und schwul, weil ihr bestimmt auch streetart macht, sonst gäbe es keinen grund, so motzig zu sein.

    außer euer erbärmliches leben hat so wenig aussagekraft, dass ihr das durch blog-gebrabbel kompensieren müsst.

    …das is aber doch jetzt n guter aufhänger für einen weiteren wortgewaltigen kommentar, oder? und wenns das nicht tut, dann doch bestimmt meine wortwahl. die is so schrecklich, da wird mir selbst schon ganz schlecht.

    kommt schon jungs, jetzt nicht schlapp machen…morgen mittag will ich ergebnisse sehen. ich hab urlaub und mir is langweilig.

    und noch was: nur weil ich sage, dass ein text kompliziert ist, heißt es nicht, dass ich ihn nicht verstehe. ich kann mich dann nur nicht so gut auf die dessous-seiten vom otto-katalog konzentrieren.

    whoop whoop.

  8. 8 xpx 08. Januar 2009 um 14:31 Uhr

    lol

  9. 9 susi 08. Januar 2009 um 19:14 Uhr

    was?

  10. 10 xpx 09. Januar 2009 um 14:32 Uhr

    feierabendklaus ist der gewinner ;)

  11. 11 cbss 18. September 2009 um 16:23 Uhr

    Falls das wirklich von Spair ist (kann ja auch sein das ihn jemand denunzieren will) ist das einfach nur amseelig und peinlich. Die Argumentationen sind einfach nur lächerlich.
    Zumal er selber auch ziemlich.. naja, toy will ich jetzt nicht sagen.. aber doch recht einfach malt. Das übliche Gejammer eines absoluten Character-Profis, der aus der alten Generation kommt, hätt ich ja noch verstanden, solches Herumgeaffe (Streetart vs Graffiti) ist ja nicht neu. Bei denen werden halt alle inaktiv und mit Neuem kommt er natürlich nicht klar, dazu kommt noch die Angst vor dem Internet. Aber von Spair hab ich jetzt nicht gerade die über-Pieces gesehen, weshalb seine Aufregung auch irgendwie keinen Sinn macht.

    Aber selbt wenn er King wäre, sind seine „Argumente nicht besser. Allein schon sein „spontan gerede: als ob man beim Taggen nicht spontan setzen würde, sondern sich jede Tagstelle erst genau ansieht. Genauso stickert man eben spontan. Die ganze anderen „Argumente“ verlaufen ähnlich albern. „haben keinen sinn für stellen“, was für ein Blödsinn. Als ob irgendwo definiert wurde, was wie wo eine gut oder schlechte Stelle wär.
    Peinlich peinlich, ich kann nur hoffen, das es nicht von Spair ist.
    Seine Kernaussage: „Straßenkunst hat so zu sein, wie ich es sage, alles andere ist ja voll mal doof ey“
    Ein schmieriger, spießiger und dogmatischer Szenespalter, was anderes fällt mir dazu nicht ein.

  12. 12 yo 03. November 2010 um 15:21 Uhr

    ich geb ihm größtenteils recht dem spair und kann seine gedanken voll und ganz nachvollziehen..
    wenn jemand dann auch noch behaupten würde spair könne nicht malen bzw er hätte noch nie en gutes bild von ihm gesehen platz mir der kragen.
    ein dogmatischerszenespalter ist er auch nicht weil er die graffiti-szene dadurch wohl kaum splatet.die sehen das alle genauso. und street-art hat einfach nix mit writing zu tun und soll auch nicht so tun als hääts was damit gemeinsam!

  13. 13 yo 03. November 2010 um 15:22 Uhr

    FUCK street-art. stay real!
    yuppies raus aus dem kiez!!

  14. 14 börek 06. November 2010 um 21:05 Uhr

    @yo: und wann gehst du auf die argumente aus dem text ein? ich meine, hier rumaffen und nichtmal beweis führen konnten vor dir auch schon alle anderen. wem ist geholfen, wenn du dich hier für eine armutskultur aussprichst, die anstatt reichtum für alle einzufordern, „yuppies raus“ bringt? außerdem wurde hier nirgends behauptet, dass er nicht „malen“ kann.

  15. 15 Pastor 16. Dezember 2010 um 20:42 Uhr

    Man könnte auch viel einfacher zu SPAIR´s ‚Thesen‘ Stellung beziehen: Wozu Birnen mit Äpfeln vergleichen?! :-"

  16. 16 banskyfanboy 10. Oktober 2011 um 13:37 Uhr

    street art ist sehr arm

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