Archiv für September 2008

Wider der eigenen Verstricktheit: Deichkinds „Arbeit nervt“

Paul Lafargue („Recht auf Faulheit“), Jeans Team („Faul“) und Tocotronic („Luft“) haben, unterschiedlich kontemplativ und teilweise in ganz erheblichen Abständen, ihre popkulturellen Manifeste gegen die Arbeit hervorgebracht.
Während nun Deichkind mit „Arbeit nervt“, nach „RemmiDemmi“ und – nicht zuletzt auch wegen Ed-Banger-Parties in Mittelstädten, Egotronics Torsun und „Raven gegen Deutschland“ – ihren nächsten auch chartmäßig erfolgreichen Titel veröffentlichen, hats Ted Gaier als Zeit-Autor – ganz und gar als einer also, der seinen (im Dokumentarfilm „Golden Lemons“ geäußerten) Wunsch, dass sich seine „erarbeitete Credibility“ irgendwann einmal als „verwertbares Hochkulturkriterium“ umschlägt (was mit einer Gastautorenschaft durchaus als gelungen bezeichnet werden darf), mit der Moral und dem richtigem Leben im falschen.
Gaier scheint nicht an eine Ernsthaftigkeit oder Authentizität(sic!) einer emanzipatorischen Messages Deichkinds zu glauben, als er während der Jägermeister-Rock-Liga einen der Band zu fassen bekommt und er damit auch nur halbüberfahren wird, dass Deichkind „einfach Freude daran hat, wenn […] viele Leute […] auf welche Art auch immer in Wallung kommen würden“:

Backstage treffe ich vor dem Konzert Phillip und DJ Phono von Deichkind. Sie sind guter Dinge, wenngleich leicht angesäuert, da sie ihre selbst gebaute Saufmaschine, die »Zitze«, aus Platzgründen heute nicht einsetzen dürfen. Selten deckt sich das Publikumsprofil einer Band so harmonisch mit dem des Sponsors wie im Fall von Deichkind. Keine verkrampfte musikalische Ambitioniertheit, keine Fesseln durch puristische Erwartungshaltungen seitens der Anhängerschaft, keine Ideale, die zu verraten wären.

In sonst langweiligen Interview („Wie kam es überhaupt zu dem Besetzungswechsel?“) auf intro.de kontern Deichkind da, wo es der Sache nach gar nichts zu kontern gibt:

Ihr habt zwei Mal bei der Jägermeister Rockliga mitgemacht. Ted Gaier hat in der Zeit kritisch über diese Veranstaltung geschrieben und euch in dem Text vorgeworfen, ihr und eure Fans hättet „keine Ideale, die zu verraten wären“. Stimmt das?
Philipp: Das stimmt!
DJ Phono: Ich denke, es ist auch ein Ideal, keine Ideale zu haben.

Auf die Frage, was es bringt, wenn „Arbeit nervt“ in den Formatradios rauf- und runterläuft, muß man gegen Gaier und richtig „viel“ oder „nichts“ antworten, bzw. hält es lieber mit Kullas offener Fragerei:

Welcher Arbeitsbegriff dem zugrundeliegt? Inwiefern das Kompensation ist? Wie das Spaß essentialisiert? Warum der Konsum keine Arbeit sein soll? Wer’s statt der Genervten tut? Ob der Queen-Part zum Schluß sein muß?

Eh klar. Keine Ahnung. Macht mal.

Christian Anders ist Oskar Lafontaine, weil Zins und Zins Zinseszins ist

„Der Hai von Christian Anders (Ex-“Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“)

Deutschland ist pleite, wir sind am Ende,
der Hai reibt sich vergnügt die Hände,
da kann ich manchmal schon versteh‘n,
wie Leute auf die Barrikaden gehen,
sie werfen Bomben, rufen „du Schwein“, Ich hab die Macht, ich hab das Geld,
ich bin der Herrscher dieser Welt.
Ich schick euch täglich auf die Rolle,
ihr kennt sie nicht, „die Protokolle“.
Auf sieben Säulen ruht die Welt,
sieben Familien haben das Geld,
Ob Rothschild, Cohn oder Donati,
man nennt uns auch Illuminati. und machen mit der „Heilung“ Geld.
Du zahlst und zahlst und wirst verrecken,
so war’s geplant wie mit den Decken, um die Indianer zu verscheuchen,
die einst Amerika allein bewohnt.

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Der doppelte Broder: Das ist richtig, das ist falsch!

Das ist richtig:
Henryk M. Broder über lahmarschiges Nachrechnen, der Sache überhaupt nicht dienliche Hinweise und auch sonst nichts als klugscheißerische Zahlendreherrichtigstellungen des Niggemeierschen Bild-Blogs :

[…] Und Niggemeier treibt es nicht mit sich allein. Einige zehntausend Afficionados, die nicht einmal eine gelesene BILD aus der U-Bahn mitnehmen würden, besuchen regelmäßig den BILDblog, um sich darüber zu informieren, was ihnen so zuwider ist wie einem Vegetarier eine Portion Tartar. […] BILDblog rechnet nach, dass die kleine Nadia (13) nur 33 Stunden wöchentlich für die Schule paukt und nicht, wie von BILD behauptet, 41 oder gar 5o Stunden. BILDblog stellt einen BILD-Bericht richtig, in dem behauptet wurde, George Clooney sei von seiner Nachbarin Britney Spears dermaßen „genervt“, dass er wegziehen wolle. Tatsächlich habe Clooney nur gewitzelt: „So now I have to move.“ Und titelt BILD „Zwei Männer am U-Bahnhof abgestochen“, schaut BILDblog sofort im Duden nach: „ab|ste|chen: 1. (ein Schlachttier) durch das Durchstechen der Halsschlagader töten: ein Schwein, einen Hammel a.; (derb von Menschen) er hat seine Opfer brutal abgestochen. (…)“
Wovon nicht die Rede sein kann, denn sogar im dazugehörigen BILDBericht hieß es: „René H. wurde im Rücken getroffen, Burak B. rammten sie ein Messer in den Bauch. Klinik!“ Am Ende der Richtigstellung heißt es dann: „Mit Dank an Sascha für den sachdienlichen Hinweis.“
(klick)

Und auch die taz weiß, nicht zuletzt auch deshalb, weil Broder Evelyn Hecht-Galinski seit Freitag nicht mehr als Antisemitin bezeichnen darf, dass er „gerne kräftig austeilt und Menschen persönlich beleidigt.“
Das ist falsch:
Wenn Broder nun aber glaubt „persönlich beleidigt“ zu werden – von Niggemeier selbst zum Beispiel – der die private Korrespondenz Broders mit Tanja Krienen auf seinem Blog nachvollziehbar macht, zeigt, dass Broders Polemik gern auch nach Kotze schmeckt:

„fraeulein krienen, zu schade, dass ich mich bei ihnen nicht mit einem tritt in die eier bedanken kann, sie verbloedeter paedo-eunuch. b.”