Waldis EM-Club/ nur mit allen 80 Millionen Hooligans

Die Fußball-EM ist ein großartiges Fest. Überall sind die Fahnen aller Teams zu sehen. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun

Stefan Muhle, Sprecher Kultusministerium Niedersachsen in der Hannoverschen Allgemeinen Online


Nachdem Michael Ballack einen Antirassismusaufruf des Fussballweltverbandes – im Presseecho wohlwollend aufgenommen, erschien er als geeignet einen „race-war“ abzuwenden – heruntersächselte und das Spiel nach neunzig quälenden Minuten den richtigen Sieger gefunden hatte, „versammelten sich die Fans in Feierlaune auf der Kreuzung Brücken- / Bahnhofstraße. Sie liefen auf die Straße, feierten und grölten. Nach wenigen Minuten war […] kein Durchkommen mehr. 1.000 Fans besetzten die Kreuzung und ließen ihrer Feierlaune freien Lauf. (klick)
Was hier erscheint wie bitterstes Stückwerk eines Satiremagazins (oder eben einer Schülerzeitung), ist tatsächlich eine journalistische Beschreibung eines Sachsen-Fernsehen-Redakteurs. Seine Verhaftung in der schwarz-rot-goldenen Geilheit des Mobs legt er nicht einmal dort ab, wo er vom „absoluten Chaos“ spricht. Was, aufgrund des Lärmes der Affirmation der geilen Masse ausgeht, in der sich jeder Einzelne in seinem Tun tausendfach rückversichert sieht und nur auf die kleinste kleinste Provokation (etwa nichtdeutsches Aussehen) zu lauern scheint, nicht umhinkommt als Angstraum kategorisiert zu werden, beschreibt der Autor zynisch als „ausgelassenes Feiern“.
„Sie stiegen auf Busse, die in der Masse gefangen waren und versuchten diese zu kippen. Dabei blieb es allerdings nicht, nach kurzer Zeit herrschte hier absolutes Chaos. Mit Durchdrehenden Reifen, Randalen an Polizeifahrzeugen bis zur Akrobatik an Straßenschildern feierten die Chemnitzer Fans ausgelassen den Sieg der deutschen Mannschaft.(klick)
Das „Kippen“der Stimmung stellt tatsächlich aber nichts als deren Kulminanz dar. Es ist falsch und durch die Persistenz zum kotzen, dass große Teile der Berichterstattung eine diffuse Trennung von Fan und „Hooligan“ vornehmen, trägt sie nach Schandl (im Rekurs auf Canettis „Masse und Macht“) nicht im geringsten:
„Das Kippen von der Herde in die Horde liegt bei diesen uniformierten Spektakeln und Massierungen immer im Bereich des Möglichen, selbst wenn es dezidiert nicht beabsichtigt ist (aus: „Freitag“, 27.6.08).“Es ist bezeichned, dass der marodierende Mob, zu nichts in der Lage als zu Ausgrenzung und Abschätzung – zur Affirmation des Länderspiels als inszenierter Nationenkrieg, in den Fanmeilen und dessen Peripherie nur mit Polizeischutz kontrollierbar bleibt.
Im niedersächsischen klagten Schülerinnen und Schüler, die mehrheitsdeutsche Stimmung „am Tag der Abistreiche(!), an denen sowieso weniger Unterricht als üblich stattfindet“ vom Schulleiter einfach ein. Dass der „keine Siegermentalität aufkommen lassen wollte […] ging einigen Jugendlich zu weit […] sie riefen bei verschiedenen Zeitungen an und luden die Presse ein.“


9 Antworten auf “Waldis EM-Club/ nur mit allen 80 Millionen Hooligans”


  1. 1 kater 27. Juni 2008 um 12:56 Uhr

    ab in den gulag

  2. 2 Johnny Weltraum 27. Juni 2008 um 18:39 Uhr

    „Die Fußball-EM ist ein großartiges Fest. Überall sind die Fahnen aller Teams zu sehen. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun“

    Bei allem Wahnsinn, (den ich übrigens leider ebenfalls erlebt habe) ein tolles Beispiel für ein Oxymoron, wie etwa zu sagen: Die Grenzen eines Landes haben keinen territorialen Aspekt.
    Außerdem klingen die Aussagen gegen Rassismus sowieso wie Bekenntniss-Hymnen zum freien Fleischmarkt. Persönliche Stellungnahmen können wir dann versuchen, den Spielergesichtern zu entnehmen (nicht nur Ballacks sondern auch Arshavins)

  3. 3 der tausch 01. Juli 2008 um 14:08 Uhr

    ganz ähnlich auch die FreiePresse online, die das „fröhliche fussballfest“ ganz und gar entkoppelt sieht, vom dem was sie als „schatten“ notieren

    http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/REGIONALES/CHEMNITZ/1315713.html

    “ Kurz bevor der erste Randalierer auf ein Busdach stieg, hatte sich Rentner Peter Heinig noch gefreut, dass Fußballfeste in Chemnitz so wunderbar und friedlich verlaufen.[…]

    Als schöne Erinnerung bleibt ihm von der Nacht sein Handyfoto von den Enkelkindern, die sich mit vielen Fan-Artikeln herausgeputzt hatten. Viel fotografiert wurde auch ein gelber Mazda aus Glauchau, der den Autocorso zeitweise anführte. Aus der Dachluke winkten zwei hübsche Mädchen. Dieser Sportwagen von Marcus Jacob war mit acht Fahnen geschmückt.

  4. 4 Eckhard Jesse 04. Juli 2008 um 8:58 Uhr

    Verloren, na und?

    Der Politologe Eckhard Jesse schreibt, was die EM für Deutschland bedeutet.

    Die Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2006 rief in Deutschland ein „Sommermärchen“ hervor. Fußball beflügelte und vereinte. Ein friedlich wogendes Fahnenmeer überflutete Städte, Straßen und Stadien. Die eigene Mannschaft wurde bejubelt, die gegnerische nicht ausgepfiffen. Ein entspannter, nicht „von oben“ verordneter Patriotismus kehrte ein, kein gespannter Nationalismus. Der unverkrampfte Umgang gerade der Jugend mit nationalen Symbolen überraschte. Eine Aufbruchstimmung lag über dem Land.

    Im Vergleich dazu sind die gesellschaftspolitischen Auswirkungen der an Dramatik reichen Europameisterschaft auf Deutschland geringer, wiewohl die Mannschaft mit Platz zwei besser abgeschnitten hat. Erstens handelte es sich „nur“ um eine EM, zweitens fand sie nicht im eigenen Land statt, sondern „bloß“ in Österreich und der Schweiz. Drittens schließlich war 2008 lediglich ein „Aufguss“ der Euphorie von 2006.

    Gleichwohl: Was 2006 an Aufbruchstimmung aufbrach, war keine „Eintagsfliege“. So gut wie niemand mokierte sich über das Singen der Nationalhymne. „Antideutsche“ Positionen waren ebenso klar in der Minderheit wie fanatische Nationalisten. Das emotionsträchtige Spiel der Deutschen gegen die Türkei rief keine größeren Ausschreitungen hervor. Viele Fans wussten: Es ging um Fußball, um mehr nicht. Die Frage, ob die Türkei in die EU gehöre, stand in Basel nicht zur Diskussion. Unideologisch wurde die Frage erörtert, ob die Erfolge mit „deutschen Tugenden“ wie Disziplin, Kampf und Planung zu erklären seien oder im Gegenteil eher mit Eigensinn, Esprit und Emotion.

    Noch bei der WM 1990 im Jahr der Wiedervereinigung war der Stolz auf die deutsche Mannschaft nicht annähernd so ausgelassen, von „unserem“ Sieg kaum die Rede. Die Gründe für den Wandel sind vielfältig. Die nach wie vor präsente Zeit des „Dritten Reiches“ liegt nun zwei Generationen zurück. Der größere Abstand führt nicht zu einem Vergessen der nationalen Schande, wohl aber zu einer stärkeren Hinwendung zur Gegenwart und zur Akzeptanz des Satzes, Deutschland habe seine Lektion gelernt. Die deutsche Einheit stärkte ungeachtet vieler Probleme beim Zusammenwachsen nationales Selbstbewusstsein. Der Regierungswechsel 1998 zu „Rot-Grün“ trug zur Aussöhnung der 68er mit ihrem Staat bei. Das Kennenlernen anderer Länder durch die Jugend ruft Nachahmungseffekte hervor. Schließlich ist für ein Einwanderungsland wie der Bundesrepublik Verbindendes wichtig, etwa sportlicher Patriotismus.

    Schwer zu ermessen ist, welche Deutung Schlüsselszenen erfahren, so wie das Foul von Michael Ballack (vor seinem Tor zum 3:1 gegen Portugal stieß er den Gegenspieler weg). Die Unsportlichkeit blieb unterbelichtet: Entweder galt Ballacks Verhalten als mehr oder weniger regelrecht oder des Torschützen Raffinesse gar als rühmenswertes Zeichen von Cleverness. Kann sich über den Sport hinaus nicht die Meinung einschleichen, wer Erfolg haben will, dürfe zu unlauteren Mitteln greifen? Der Zweck heiligt nie die Mittel. Hier haben Fernsehreporter und Analytiker nicht hinreichend gegengehalten.

    Wie Soziologen herausgefunden haben wollen, steigt die empfundene Lebensqualität der Deutschen nach einem gewonnenen Fußballspiel. So könnte stärker Optimismus im Land um sich greifen. Denn in Deutschland ist die Lage besser als die Stimmung. Ein geselligeres Volk ist ein zufriedeneres. Langfristig ließe sich auf diese Weise Individualisierung stoppen. Vielleicht nimmt so die Hilfsbereitschaft zu, das Engagement für ehrenamtliche Tätigkeiten, der Gemeinsinn. Welche Tiefenströmungen eine EM hinterlässt, ist im einzelnen schwer auszumachen. Fördert die Leistung der deutschen Mannschaft zugleich die Akzeptanz von Leistung an sich? Und umgekehrt: Führt die Niederlage im Finale zu gesellschaftlichem Missmut? Wohl kaum: Deutschland im Jahre 2008 ist nicht Ungarn 1954!

    In einer globalisierten Welt suchen Menschen Gemeinschaftserlebnisse. Im Gegensatz zu heute gab es früher „Straßenfeger“ (wie etwa ein Krimi von Durbridge). Damit lässt sich u.a. die Zunahme von „Public Viewing“ erklären. Spitzenfußball, bei dem jeder mitreden zu können glaubt, ist ein Kollektivereignis, schweißt zusammen. Ob sich Einheimische und Immigranten dadurch näher kommen? Und geht die Hoffnung von Spitzenpolitikern auf, sie mögen vom Glanz des Fußballglücks profitieren?

    „Bern 1954“ – das war zum Teil identitätsstiftend, auch wenn im Nachhinein vieles verklärt wurde. „Wien 2008“, das ist für Deutschland wohl nur eine Fußnote, nicht bloß wegen der Niederlage im Finale. Normalisierung hält Einzug. Der Streit um nationale Symbole dürfte der Vergangenheit angehören. Der als „unverdächtig“ geltende Sport hat den Boden dafür bereitet. Kaum einer regt sich über eine Deutschlandfahne auf. Keiner verbrennt sie nun. Und das ist gut so.

  5. 5 Alex 19. Juli 2008 um 11:08 Uhr

    Also es ist für mich absurd fast schon lächerlich welche diskussionen hier um den Fußballsport geführt werden.
    Zunächst empfinde ich es als Denunziation wenn man als Nationalist abgestempelt wird sobald man seine Nationalflagge trägt und seiner Mannschaft die Daumen drückt.
    Weiter gibt es nach Duellen von Vereinsmannschaften ebenso häufig Ausschreitungen rivalsierender Fans.
    Da erhebt niemand die Hand. Wahrscheinlich weil es linken Ideologen keinen Nährboden bereitet um antionationale Propaganda zu betreiben.
    Genau so absurd find ich es wie das vermeintliche Foulspiel von Ballack vor seinem Tor gegen Portugal beleuchtet wird.
    Liebe Kritiker, so ist es nun mal im Fußball. Ahndet der Schiri einen vermeintlichen Regelverstoß nicht so gilt es regelkonform.
    Liebe Kritiker, wo ihr fernab des Sports steht, kümmert euch um Themen in denen ihr eher bewandert seid.
    Aber bitte versucht den Stellenwert eines internationalen Sportwettbewerbs nicht anzukratzen.
    Es kann doch nur förderlich für die ganze Gemeinschaft, sein sich kollektiv mit einer Mannschaft identifiziert die Zusammenhalt und Leistungsbereitschadt demonstriert.

  6. 6 Frechi Fergcel 31. Juli 2008 um 20:35 Uhr

    in dem du die „nationalflagge“ als „deine“, also dir als irgendwie verbindlich denkst, dich „denunziert“ und „abgestempelt“ fühlst, wird – entgegen deiner argumentation im ersten abschnitt, fussballsport und nation seien (übrigens wider der hegemonialkulturellen deutung des sujets) auf biegen und brechen zu trennen, dein eigentliches einverständnis mit der konstruktion der nation überdeutlich.
    dass der klubfussball weniger im fokus von dir als „links“ gelabelten kritik steht, liefert dir doch die eindeutigkeit, dass nationalmannschaften überhaupt nie, wie du es anfangs noch wissen willst, ohne nation gedacht werden. um dann aber stunk gegen die „linken ideologen“ zu machen, verzichtest du später auf genau diese trennung, stellst du doch die verschiedenheit zum clubfussball idiotischerweise selbst heraus.
    und: dass es neben nationalchauvinistischer motivation auch davon verschiedene auslöser gibt, jmd eins auf die fresse zu hauen ist allgemeinplatz.

  7. 7 kassandra 31. Juli 2008 um 21:05 Uhr

    nein oder, das ist doch ein witz von diesem saudoofen kommentar des herrn alex: nicht meckern sondern sich in die gemeinschaft eingliedern. mir tut alles weh bei solchen worten, sei deutsch und halt die klappe. du hast dich zu benehmen und Leistung zu zeigen und vor allem verleugne bitte nicht deine kollektive Identität, wiel das beschmutzt nicht nur deine kleinfamilie, sondern ein ganzes „volk“. super wann war der holocaust noch mal? was für argumentationen wurden da am anfang bedient und welcher volkskörper sollte dort von missgünstigen wesen „rein gehalten“ werden? ach ja am ende verwechsele ich ja nur wieder sport mit politik. schön dass auch angie im stadion war und in dresden die dönerladen von unseren volksdeutschen nachbarn zerkloppt wurden, weil die türken ja auch fies gespielt habe.ich bin bedient bei solchen kommentaren, voll gepackt mit nationalem gejammern und ermutigendem „wir sind wieder wer“ (wenigstens im fussball)- gepose (meister wollen wir eh nicht sein, der zweite platz reicht zum autokurso). zum innereien herausholen! ach ja das goldstück ballack kommt aus „rußchemnitz“ und da gab es ja die große leinwand auf dem markt, wo der deutsche mensch sich ordentlich die kante geben konnte. die kotze blieb kleben und mensch war immer noch deutsch. gott sein dank!

    be part of the party or get out of the country … von wegen der das deutschgedisse geht erst richtig los, lovely alex.

  8. 8 Frechi Fergcel 01. August 2008 um 16:36 Uhr

    kulturindustrielle argumentationshilfe gefällig?
    (screenshot wetter.de(!))

  9. 9 Inge Kobasch 11. August 2008 um 11:52 Uhr

    …also ich find fussball super, blödmänner.

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