Bibi Blocksberg und die Hexenjagd der Milchgesichter

Bibi Blocksberg will gerade einen gesunden Liter Milch kaufen, um als gleich damit wieder bei der Mutter Barbara, die ihn nach Hause getragen getragen will, aufzuschlagen, als sie von der längst familiär gewordenen Besitzerin des sympathischen Tante-Emma-Ladens (Türenknarren und Klingeln, Essiggeruch in den Regalen) darauf hingewiesen wird, dass gegenüber schon bald ein riesenhafter und gesichtsloser „Flitzimarkt“ eröffnen würde, der ihr, weils „heutzutage die Menge macht“ (und eben nicht die Tradition und Emotion) schon jetzt gehörigste Bauchschmerzen bereitet. Und so kommt es wie es bei Parteinahme für die Kleinen, die Guten im Kapitalismus nur kommen musste: der ehrlich wirtschaftende Laden der Frau steht nach 38 Jahren Ohnehinschonscheisse vor dem Aus. Als nun der „Flitzimarkt“ am Tag der Eröffnung auch noch „Bockwurst mit Senf für alle“ als die besseren Kugelschreiber feilbieten sollte, platzt der „stets auf der Seite der Gerechtigkeit stehenden, das Interesse aller Bürger („Gemeinwohl“) “ vertretenden „kleinen, fliegenden Hexe“ der Kragen.1 „So eine Ungerechtigkeit!“ Dem global player Flitzi hext Bibi, „mit Tomaten aus echten Gärten, die noch nach etwas schmecken“ und Jazzmusik als audio branding, einen starken local als gallisches Dorf des althergebrachten, des ursprünglichen, genuinen Einkaufsgefühls mit Herz.
Bibi Blocksberg schwingt sich damit nicht nur in dieser Episode („Bibi und der Supermarkt“) zu einer Art Robin Hood auf. Immer angeleitet von einem bauchlinken Gerechtigkeitsgefühl, das sich dabei als Umverteilungsaktivismus, ähnlich sozialdemokratischer Parteipolitik oder altlinkem Quatsch, entlädt. Was den Kids als Sensibilisierung für die Pathologien (als Konsequenz der Produktionsverhältnisse) tauglich sein kann, stuft Gerd Strohmeier, Politikwissenschaftler (Hanns Seidel Stiftung!) in Ausgabe 41 von „Politik und Zeitgeschichte“ als „äußerst bedenklich“ ein. Aus Bibi Blocksbergs hexerischem Krisenmanagement, ließen sich „politischen Positionen relativ eindeutig einem politischen Spektrum zugeordnen“. Das abgeschmackt wirkende sozialromantische Träumen der 12jährigen von einer „gerechteren Welt“, ist für Strohmeier eine antidemokratische Entladung, die den Sozialisationsprozeß von Kindern und Jugendlichen schwer verkorksen kann. Das kontinuierlich gezeichnete Negativ-Bild des „Wirtschaftens“ und das dagegen Opponieren (sei es auch noch so verklärt) versteht er als unvereinbar mit der demokratischen Ordnung, verkennt dabei, dass es den Episoden nie ums Ganze geht, sondern allenfalls um soziale Reparaturleistungen und Ausgleichshexerein für ein „gerechteres“ Zusammenleben(also Wirtschaften).

Strohmeier wartet darüber hinaus mit weiteren Beobachtungen auf, die inhärente „politische Sozialisationspotenziale“ illustrieren sollen und dabei in ihrem grollenden Vortrag zum lachen einladen.

PolizistInnen, so moniert er, würden in der Regel

„wie Soldaten auftreten: ernst, streng und gehorsam. Sie tun blind ihre Pflicht und haben nicht selten eine regelrechte Freude am Verhaften. Allerdings sind sie relativ schwer von Begriff und leicht für dumm zu verkaufen. Sie geben nicht selten ein ähnlich lächerliches Bild ab wie der Bürgermeister, etwa wenn sich der Polizeipräsident so am Telefon meldet: „Hier das Polizidium, äh äh äh äh, Präsidalpolizium, na egal, hier spricht der Polizeipolizent persönlich, na ich bin’s.“ […] Äußerst bedenklich ist […] das überwiegend negative und militärische Image der Polizei bzw. die Darstellung, dass die Polizisten grundsätzlich lächerliche und inkompetente Handlanger der Politik sind, die unreflektiert eine unsinnige Pflicht tun.“

Die „richtigen“ politischen Positionen bzw. Verhaltensweisen sind ökologisch, postmaterialistisch, basisdemokratisch, kritisch, zivilcouragiert, pazifistisch, sozial, antikapitalistisch, egalitär, tendenziell anarchisch bzw. antistaatlich, antihierarchisch, antiautoritär und antikonservativ; mit anderen Worten: „links“ der politischen Mitte (linksliberal bis linksalternativ).

konstatiert er endlich.

Dass Bibi Blocksberg „tendenziell anarchischer“ Habitus von für in der Linken durchaus üblichen Verkürzungen geprägt ist(etwa in der Kritik an der Darstellung der „Wirtschaft“), wird dabei nicht thematisiert . „Ulrich Umsatz“, einfallspinselige Bankdirektoren oder eben der Bürgermeister in Personalunion von Kapital und Staat repräsentieren in den Plots Donellys die ökonomische Sphäre im Allgemeinen. Dabei fällt Herrn Schmeichler (!) allerdings, so scheint es, eine besondere Rolle , die des personifizierten Finanzkapitals nämlich, (Folge 40 u. 46), das sich, anders als das „schaffende“ Kapital, das der protestantischen Ethik entsprechend, durch Mühe und Anstrengung entspringt und etwa im Tante-Emma-Laden erwirtschaftet wird, zu.
Eine Kritik daran bleibt unberücksichtigt. Dafür kulminiert der Artikel mit dem Ratschlag die Ausstrahlung der verfilmten Geschichten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu überdenken.

  1. http://www.bpb.de/publikationen/2RQI2Y,2,0,Politik_bei_Benjamin_Bl%C3%BCmchen_und_Bibi_Blocksberg.html [zurück]

7 Antworten auf “Bibi Blocksberg und die Hexenjagd der Milchgesichter”


  1. 1 Nichtidentisches 02. Juni 2008 um 13:54 Uhr

    Nunja, meistens fällt ja Bibi tüchtig auf die Schnauze, weil ihre infantile Wunschhexerei zwar verständlich ist, aber eben der komplexen Realität nicht gerecht wird. Wie es in dieser Folge ausgeht, weiß ich nicht.

  2. 2 Frechi Fergcel 02. Juni 2008 um 22:01 Uhr

    die folge endet mit dem ideologem der „sozialen“ marktwirtschaft“, die bibi dabei durchaus im stande ist herbeizuhexen, eben weil die „komplexe Realität“ nur so komplex ist, wie sie von der autorin (übrigens anhängerin der osho-bewegung) dargestellt wird – kindgerecht, wenn man so will, wenn man anders will: verkürzt und so wie du es für die geschichten michael endes beschreibst.
    nachdem bibi dann auch für den tante-emma-laden ein effektreiches straßenfest organisiert, die anschlussfähigkeit an den markt zudem mit dem gallig hexen der tomaten des multis herstellt – schließt die episode damit, dass der geschäftsführer des „flitzimarktes“ seine tomaten nunmehr sogar gegenüber bei frau gerber kauft. erst am schluss tritt er persönlich auf, bekommt erst jetzt ein profil als konsequenz von bibis ausgleichshexerei. eine romantisierende vorstellung des happy ends unter der bedingung der gesunden gleichheit aller marktteilnehmerInnen.

  3. 3 kater 21. Juni 2008 um 23:06 Uhr

    ich habe bibi blocksberg schon immer gehasst

  4. 4 susi 15. September 2008 um 22:12 Uhr

    :-?
    es ist schlichtweg zum kotzen. ein weiteres unterstützendes beispiel? bitte die folge bibi auf dem reiterhof hören. wenn ich mich recht erinnere wird der graf (übrigens gesprochen von jo gerner aus gzsz lol), nachdem er ein treffen zwischen der lieben (und armen) freundin bibis, tina, und seinem sohn verhindert, einfach liebgehext. hexhex.

  5. 5 strohmeier 21. November 2009 um 11:09 Uhr
  6. 6 jaegerzaun 21. November 2009 um 11:46 Uhr

    strohmeier hats jetzt übrigens auch mit bibiblocksbergzwei (benjamin blümchen): http://www.tu-chemnitz.de/tu/home/fpdf/uni_aktuell.php?aid=2629

  1. 1 Faustdicke Überraschung beim „Chemnitzer Science Slam“ « Hallo Chemnitz! Pingback am 22. Juli 2011 um 14:28 Uhr
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