Humor ist, wenn man als Schwuler Prügel bezieht : Medialer Witz als German Kleinigkeit

Geburtstage sind mir die verhageltsten Tage überhaupt. Gar nicht zum Trotz und gegen das jährlich heraufziehende Vollzugsszenario gerichtet, was quälgeistige Geburtstagsnörgler als zwang-, schauspiel- oder sogar Unaufrichtigkeitsbeladen attributieren würden. Bei mir liegt der Fall anders. Das gilt, wenn es sich um Geburtstage dreht, die nicht mich betreffen. Das ist und auch erst wenn die Geburtstage mir durch Glückwunschsendungen im Fernsehen gefiltert zugänglich gemacht werden – bei denen es Liebe oder Pflichtgefühl als Keim und Rührseeligkeit und Bloßstellung als Früchte hat – weniger verbindlich, weiter weg – das Ding der anderen eben. Der audiovisuell vermittelte Ehrentag ist ohnehin und durchweg in positiver Hinsicht verschieden. Das weiß ich, wenn ich mich erinnere an ein stinkendlangweiliges Kapitel meiner Biografie in der Nachwendezeit: Derartiges lief da, wie vermutlich schon immer und von mir unbemerkt, nur im Radio. Mittels Tastendruck schnitt ich sie mit und nannte es bedeutungsvoll Aufnehmen. Jeden Sonntag wollte ich aufnehmen. Erst die Charts mit Platzierungen der Vorwoche und dann die Grüße. Die spielten sich allerdings auf einem anderen Sender ab. Dieser Umstand lies mich die Fähigkeiten des „Aufnehmens“ ausprägen. Es galt nämlich Start bzw. Stop genau dann zu betätigen, wenn der Gruß sich tatsächlich anschickte, sich aus der debilen Volksmusikrahmung zu erheben. Mein Archiv wuchs schnell ins Unermessliche. Nach meinem Dafürhalten war das auch notwendig, denn durch das magnetbandstrapazierende schneller oder langsamer abspielen – denn normal hören wollte ich ja nicht und kein zweites mal – passierte es, dass ermüdete, bereits archivierte Magnetbänder rissen. Passierte soetwas musste ich „kitzen“. Das war zwar Fantasiesprache und der komplett falsche Ausdruck für den auch für Kinder durchaus zumutbaren Arbeitsschritt des das Band mit Tesa wieder zusammenfügen, aber hinreichend konstitutiv für meine einsame Stimmenarchivkultur. Mit irgendwas wurde dann alles beendet und ich verschwendete keinen Gedanken mehr an die spassigen Stimmen der sächselnden Gratulanten.
2000 oder was stieß ich dann auf „Alles Gute“, die Umsetzung des Formats für die beliebtere Plattform Fernsehen. Für die „Comedians“ und manchmal sogar als Medienkritiker angesehenen Mehrheitsdeutschen-Opinionleader wie Kalkofe, Pocher/Barth und allen voran Stefan Raab, die für ihr als Humor ausgegebenes bashing wie auch immer gearteter Andersartigkeit (Schwule, als Intellektuelle entlarvte, Hartz4- EmpfängerInnen, Frauen und LeserInnen der „Blöd“(sic!)-zeitung) ab den 1990ern für ihre Verdienste reich behangen worden waren, rückte „Alles Gute“ als Sendung mit unzeitgemäßer („Zone-“) Studioausstattung und anachronistisch grafischen Aufbereitung der Einspieler schnell in den Fokus ihrer ekelhaft reaktionären Häme. Für die Raabjünger (leider alle) wurde klar: „Alles Gute ist einfach nur Kult“. Den „Kritikern“, Spassvögeln und ihrem schwanzwedenldem Gefolge entgeht im Lauern auf den nächsten Ausrutscher vom tuntigen Spruch bis hin zum Busenblitzer des zum B-Promi(sic!) erkorenen Opfers, bis heute das Wesentliche. Dass es „Wissenschaftliche Reportagen“ gelang Auschwitz zur German Kleinigkeit werden zu lassen und dass Phoenix, und Peter Sloterdijk im philosophischen Quartett das Geschehen vom 11.September in eine „richtigere Perspektive“ rücken lassen zum Beispiel. Stattdessen gieren sie weiter danach, dass altersschwachen PensionärInnen vor laufender VHS-Kamera die Hose rutscht oder den GratulantInnen der hausgemachte Schüttelreim schlecht wird.
Ist es tatsächlich lustig, wenn jenen, denen der bürgerliche Trost noch zugesprochen wird, weil sie einen Job und Pro7 auf der Sieben haben, an den unwirtlichsten Plätzen in ätzendster Mundart ihre Grüße auf die Reise zu den ins Heim Verfrachteten schicken? Oder entdecke ich gegenteilig, eine sozialromantisch verklärte Anteilnahme und damit verknüpft den Hass auf die mit dem Drecksauhumor?
Emanzipatorischer Humor befördert sich immer da zu Tage, wo die bürgerliche Grunderfahrungen des Subjekts sich schlecht kompatibel zeigen. Parallel dazu scheint es jedoch eine andere Spielart der Humorkultur zu geben, welche Roger Behrens in ihrem Wesen implizit als eine Entschädigung für Auschwitz betrachtet. Statt das Andersartige auszulöschen belässt es die Stunksitzung allein und eben als Rehabilitierung beim Verlachen von öffentlichen Personen wie Karl Dall, Daniel Küblböck oder Verona Feldbusch. Auch in „Alles Gute“ gebärdet sich dieser bürgerliche Humor, drückt er sich doch allein qua zweifelhafter Kategorien, wie etwa der vorteilhafteren Gesundheitsprognose, weniger fortgeschrittenen Alters oder besserer ökonomischen und sozialen Chancen in einem vergnüglichen der Alten-rutscht-auf-dem-Bild-die-Hose-mir-aber-nicht-Überlegenheitsgefühl aus, dann wenn die Moderatorin dazu auffordert, das abgefingerte Polaroid Motiv „Wildgatter Deutschneudorf 1992“ oder „Zuhause ist´s am Schönsten“ (das im Vorfeld eingeschickt wurde) großzuziehen um die Lesbarkeit des Namen und die Wiedererkennung zu steigern.
Humor im Kapitalismus – und das ist ein alter kulturpessimistischer Hut – in Inhalt und Form massenhaft konsumierbares Event. Er mimt betrügerischen Ausgleich zur eigentlich lachhaften (weil zu überwindenden), ganz und gar nicht humorigen, bürgerlichen Berufsbeschäftigung in den Disziplinaranstalten. Betrügerisch deshalb, weil sich mit dem im Eventcharakter im Menschen eine Phantasmaorgie vollziehen lässt, mit dem Ziel sich zerstreuen zu lassen (W.Benjamin). Anstatt subversiv über sich selbst und die Verhältnisse zu lachen, damit die Rolle des Apologeten des extrem unlustigen Kapitalismus abzulegen, lässt man sich auf einen Humor ein, der als kulturindustriell verordnetes Diktat dem Menschen eine vergnügliche Wirklichkeit vorgaukelt, in der sich durch Schadenfreude und Wissen um das unausgewogene Konkurrenzverhältnis, aufgeschwungen werden darf, hämisch über die Vorteilsnahme gegenüber der Andersartigkeit der Loser abzulachen (R. Behrens).
BeobachterInnen von der Castingshow DSDS dürfte nicht das männlich triumphierende Gejohle der kulturell Stärkeren entgangen sein, als Medien kolportierten, dass ein ehemaliger Teilnehmer nach einer Geschlechtsumwandlung, nun angibt sich als endlich als Frau und wohler zu fühlen. Wie gut, dass wir keine Frauen sind, weil wir Männer sind, schallte das diskriminierende Gelächter aus der Mittagspause. Sowohl die „Comedy“-Macher – denn Frauen taugen allein in der gegenpoligen Rolle als Opfer (etwa eines überraschenden hysterischen Lachanfalls im ZDF Fernsehgarten oder als Tür- und Geldkofferöffnerinnen) – als auch der Großteil der RezipientInnen sind so dumm, dass es kracht. Der emanzipatorische Gehalt, der einem Witz in seiner Funktion in der Überwindung einstiger Hochkultur zugesprochen werden konnte, erfährt durch die Spaßvögel seine bittere Genese ins Gegenteil.
Da gluckt er nun, der olle Opa Karly in der zentralgeheizten Bude. Von seinem Angehörigen unfreiwillig immerhin in Unterhemd dafür ohne Rote-Augen-Blitz abgeschossen. Hinter ihm traurig ein Geschenk des Sohnes und Gratulanten: ein Massageigel in gelb. Er soll „noch recht viel Freude im gemeinsamen Garten haben“, liest Petra Kusch Lück würdevoll die Grusskarte zuende.