tuchfühlung ist Faust Zwei: Die Karriere macht nie Pause

tuchfuehlung„Endlich hältst Du das neue Campus-Magazin der TU- Chemnitz in der Hand.“

Es heißt tuchfühlung und fügt sich in seiner aufgeräumten Hochglanzästehtik und in seinem gängigen A4-Format in die Masse der Magazine ein, wie sie etwa in Bahnhofsbuchhandlungen angeboten werden. tuchfühlung evoziert studentische Empfindsamkeit und kuscheligen Konsens. Nette Bildchen, bekannte Motive. Aufgenommen mit Kunstlicht- draußen und Warmlichtfilter für Innen. Das macht sie zu etwas Besonderem, weiß man. Die Bilder zeigen grobkörnige Closeups auf beliebte Basketballschuhe aus Stoff, den WG-Abwasch, Ordner und Stifte, auch mal den Rektor und – natürlich – rauchende Köpfe.

Für jedes Heft wird redaktionell ein Leitthema ausgegeben. Darauf haben sich die AutorInnen verständigt. Für die erste Ausgabe hat man „Winterschlaf“ und für die zweite irgendetwas mit Jagd für frucht- und verwertbar gehalten. Ja, denn dazu könne jeder etwas schreiben. Konkret und inhaltlich geht es dabei z.B. um die quälende Parkplatzjagd, oder die Jagd auf die perfekte Strandfigur (for da feel_male students). Den politischen Blockbuster mimt ein wilder Artikel über eine unfreiwillig öffentlich gewordene Beschwerde einer Studentin über ihre rückwärtsgerichtete Politikprofessorin. Die Themen sind eben so bunt wie das Leben selbst, würden die engagierten AutorInnen wohl zu Protokoll geben, wenn sie nur dazu befragt würden. Doch sie werden nicht befragt und das bestenfalls aus begründetem Prinzip. Nur einmal und da – unter der Annahme des schlechteren Falls – aus Pflichterfüllung und eigentlicher Interesselosigkeit der Fragenden nämlich – durfte die Chefredakteurin ihr Nichts an Inhalt zum Transport, wohl in dem Wissen, dass eine Antwort den gleich doppelten Betrug mit sich bringen würde, 2 Wochen später auf halbseite Fremdpapier sehen.

Wie Brösel, Neon und Grönemeyer greifen die AutorInnen auf bekannte Motive zurück. Reproduzieren mit Recherche und Aufbereitung Immergleiches und erdreisten sich umnachtet qua ihrer Akzeptanz im eigenen Netzwerk das Ergebnis als wahrhaftigen, kreativen und interessanten Output auszugeben. Wie verhalte ich mich in der Mensa regelkonform? Wie nutze ich eine Essenmarke ihrer Bestimmung nach? Wo kann ich nach Ladenschluss das Survivalpackage bestehend aus Sterni und Gaulloises Rot(oder Blau) beziehen? Auf den Seiten danach erfährt man, wie sich das alles finanzieren lässt. Ein studentischer Lebensentwurf – durchdekliniert von hinten bis hinten. Für das Aufkochen und –tischen einer idealtypischen vita von Studierenden, darf ein gähnend langweiliger Erfahrungsbericht des obligatorischen Auslandsaufenthalts einer weißen Europäerin nach dem Abitur nicht fehlen. Die kleine Prinzessin studiert jetzt in Australien. Erfahrungen sammeln. Referenzen ausbilden für die Bewerbung nach dem Master! Genau so wie es sich auch in der Sparkassenillustrierten offenbart: Fotos von einem freakigen Aboriginal und der unbeschreiblichen Weite des Outbacks. Achso und über gooaustralia.com kann man sich vorher informieren (Stichwort: Andere Länder, andere Sitten) und das mit dem Auslandsbafög ist durchaus auch eine Option.

tuchfühlung scheut sich (leider) nicht klassische Feuilltonsujets wie Klimawandel, Privatisierung und Atomausstieg anzupacken. Bei ihrer Aufbereitung diffundiert dabei manchmal Seminar- und Recherchewissen 1zu1 nach außen. Das sieht nach Plackerei aus. Dass „die schwere Kost“ dabei „gut im Magen liegt“, ist dem geschuldet, dass sich keiner der AutorInnen eine Form des Agierens außerhalb institutioneller Ebenen vorstellen kann, weil es sich eo ipso dem Bereich des individuell Erfahrbaren immer verschlossen hat. Stattdessen wird zu einem irgendwie geartetem Aktionismus aufgerufen und Ratgeschlagen: „Du bestimmst den Verlauf!“

Erste Kontakte zu Industriepartner sind bereits geknüpft. Applaudiert ein Autor im zweiten Heft, der unter Vermischtes eine zunächst lahmarschig erscheinende Diplomarbeit eines Kommilitonen vorstellt, so als wäre es gerade wünschenswert. PiepPiepPiep kennt er, wie er weiterschreibt, von seinem privaten PKW. Im Usabiltiy-Lab gelang es dem Diplomanden neue Pieptöne für neue Autos zu entwickeln. So kündigt ein Bremsgeräusch ein Stauende an, und die Aufforderung zum Anschnallen ahmt das Herausziehen und Einklicken des Gurtes nach bzw. gibt in einem vorstellbaren Szenario (Franchisekonzept) das Signal für das erfolgreiche Einschlagen eines Projektils im Kopf eines afrikanischen Flüchtlings zurück an den schießenden Festungsverteidiger.

So lässt sich tuchfühlung selbst auch als Usability-Lab – als ungezwungenes Ausprobieren verstehen. Denn schließlich sind alle Akteure bemüht. Vordergründig geht es sicher um den Spaß an der studentischen Freude. Einzelfallabhängig aber mehr oder weniger manifest um das Herausputzen der individuellen Vita. Schon mal was gemacht früher mit Medien!

Im Kulturteil beider hier vorliegender Ausgaben wird (sich) die „Szene“ vorgestellt aber „unter die Lupe nehmen“ genannt. Dabei werden die LeserInnen mit exotischer Andersartigkeit angefixt. Das Voxxx heißt jetzt Weltecho. Zwischendrin hieß es aber mal Kapital, wegen Karl Marx dem Philosophen und wer Hochkultur – aber nicht Oper will – kann ja mal die Kunstsammlungen besuchen. Die haben unter Frau Mössinger mächtig credibility eingesackt – sogar im Westen. Verschiedenste Bilder vermitteln dort interessenloses Wohlgefallen. „Oder wie wär´s mal wieder mit Theater?“

Am Heftende gibt es einen Comic. Der in der ersten Ausgabe erinnert beim flüchtigen Blick zunächst stark an diese unsäglichen Drecksdinger in der Zeitschrift „unicum“, bei der sich ein fetter, phänotypisch äußerst schlechtgezeichter Autor selbst zum Protagonisten werden lässt und auf Drei- Bild- Serien den Ü-30-Studentennerd raushängen lässt. Die Pointe ist dabei immer gewollt und geht folgerichtig schön ins gesellschaftliche Vorher bzw. ins sanitäre Unten. Die vorliegenden, sind wie vieles in tuchfühlung handwerklich(!) – zeichnerisch nämlich – gut gemacht, was per se ja nichts heißt und wenn es tatsächlich etwas heißen muss dann nur Schlechtes. Aber zugegeben: Sprechblasen mit dem Inhalt „Das sind sie – als Kartoffel“ sind freilich humorig und bestenfalls sogar vom Autor so intendiert. Die tuchfühlungsmacherInnen sind überzeugt, dass sie wissen was schreiben, denn sie haben aufgepasst- was mitgenommen.

Das ist bei mir schon früh losgegangen, weißt du? In der Schule zum Beispiel. Sprache hat mich schon immer fasziniert!

Leistungskurs. Faust Zwei. Aber auch Faust Eins. Auftritte mit der Theater-AG Frau Haases und in der Oberstufe dann zwei Jahre mit Frau Henniger an Schulen, die ausschließlich von Kindern aus ressourcenärmeren Familien besucht werden. Den Dialog suchen – sich Einmischen früher wie heute im germanistischen; zuhören im volkswirtschaftlichen Seminar.

Einzug in die Jugendzimmer der Emsigen müssen Zeitschriften wie Jetzt (als die Jugendbeilage der Sueddeutschen) früher und aktuell wohl Neon und Visions, die schon Anfang der neunziger nie müde wurde LeserInnen mit Plattenempflehungen in Speisekarten- bzw. großmütterlicher Rezeptform zu quälen, gefunden haben. Dass diese Schreibtechnik auch bis heute tradiert ist, beweißt ein einführender Artikel in das Ressort Politik:

„Unser Menü beginnt mit Kommentaren […], als Hauptgericht reichen wir Artikel zu großen Themen , die sowohl globaler als auch regionaler Küche entstammen könnten. Als Nachtisch servieren wir Analysen und Glossen, […] aus studentischem Blickwinkel.“

Dass dieser studentische Blinkwinkel natürlich affirmativ ist, wird mit dem vom Autor des Rezeptes wohl planmäßig als ejakuliertes I-Tüpfelchen Schlusssätzen bewiesen:

„Diese ist so zusammengestellt, dass auch schwere Kost gut im Magen liegt, denn alles ist in hohem Masse an der Kundschaft orientiert und kann sich auf Wünsche der Gäste einstellen“

Denkste Spacko, ich muss kotzen!

Der Duktus von tuchfühlung ist so ätzend jugendlich wie er sein muss. In Inhalt und Form nah dran am Verwertungszweck. Glatt und banal. Mundgerecht für den Mustersatz der Stadtmagazine, anschlussfähig für Werbetext und Quereinstieg. Tuchfühlung ist das Ding von AusprobiererInnen, Ziel- /ZweckhaberInnen und ambitionierten KarrieristInnen („Ab geht die Post!“). LeserInnen von tuchfühlung wird zu jeder Zeit ins Gedächtnis gerufen, dass es der (publizierden) Studentschaft vielmehr um „Möglichkeiten des Austausches, Meinungsbekundung und Identifikation“ also um Beliebigkeit, absoluten Langweilerkram und den Selffullfilling-Schulterschluss mit der eigenen Stadt geht, als um Augenzwinkerndes, Kritisches, wenigstens doch um halb so altbackenes Abarbeiten von „Problemen“ der Zeit, die sie versuchen mit ihren Artikel zu ihrer Zeit zu machen. Das gelingt in der Einswerdung mit den eigenen studentischen Klischees und dem anhäufen von Kitsch bei gleichzeitiger Entzweiung mit der Wahrheit und der – hier einmalig positiv besetzten – persönlichen Jugend.

„Mein Style ist lässig und leicht sportlich, Levis Jeans, Pumajacke, Shirt und Cap und obwohl meine newbalance schuhe ewig alt sind […] trage ich sie […] die neuen adidas sneaker designed by Porsche sind dennoch der nächste Pflichtkauf“

Darf sich ein Student letztlich und auf die Frage nach seinem Style im Heft übergeben.


7 Antworten auf “tuchfühlung ist Faust Zwei: Die Karriere macht nie Pause”


  1. 1 Michael Chlebusch 06. November 2007 um 12:39 Uhr

    Sehr schön und lang dein Text,

    da hätte man getrost 2 Artikel für tuchfühlung schreiben können, um, statt zu meckern, zu versuchen, die ach so schlechte Studentenkultur besser zu machen. Aber da hätte sich der Autor des Obigen ja selbst der Kritik anderer stellen müssen. Und diese wäre schon aus Prinzip schlecht ausgefallen – sicher aber auch angesichts unverständlich verschwurbelter Neben- und Zwischensätze, die hier wohl Originalität, Alternativität signalisieren sollen.
    Sicher, man darf in tuchfühlung viele Fehler finden, die waren auch drin (in der Kritik dazu übrigens auch). Aber man darf sich auch an die Redaktion wenden und denen unter die Arme greifen, statt von oben draufzuhauen.

  2. 2 Frechi Fergcel 06. November 2007 um 20:16 Uhr

    Lieber Michael,

    Ich freue mich, dass der Text derart klebrig ist, dass er Dich zum Hinterlassen eines Kommentares animiert hat.
    Gleich am Anfang schlägst Du darin vor, dass ich statt zu „meckern“, lieber Etwas „besser machen“ – um der „Studentenkultur“ auf den richtigen zu Weg helfen – solle. Deinem Ratschlag innewohnend ist ja geradezu das Zugeständnis (an dich, mich und die AutorInnen), dass tuchfühlung genau der fürchterliche Aufguss ist, den ich in meinem „schönen und langen“ Artikel als solchen beschreibe. Deswegen verstehe ich deine Kritik auch nicht vordergründig als eine inhaltliche, sonderen an eine an der Vermittlungsform – einem Blogbeitrag.
    Ein Blog ist seinem Wesen nach und so wie ich ihn hier nutze, eine Form sich für im Prinzip alle Personen mit einem Internetanschluss, zu präsentieren und dabei bestenfalls Inhalte tatsächlich zu kommunizieren – sich letztlich durchaus auch zu dem zu machen was Du WebBlogs absprichst – zu einer Angriffsfläche für Kritik, schnodderige Kommentare und zur/zum Adressatin/Adressaten von Sexlinks nämlich. Ausserdem – und das ist nun vielleicht schon über Gebühr betont – erschien der Text in exkaputtgehen, für den haptischeren Konflikt, als Print, zum lesen auf dem Klo.
    Die halbdurchlässige Anonymität beim bloggen oder sonstwo im Internet ist bequem, wird aber meiner Erfahrung nach immer wieder zum Anlass der Kommentierenden genommen, um sich nicht inhaltlich mit den vorgetragenen Punkten auseinanderzusetzen, sondern AutorInnen zur Projektionsfläche des eigenen stinkigen Abwehrreflex zu machen(das gilt für Dich sicherlich am allerwenigsten).
    Dass die Rezension aber „schon aus Prinzip“(welchem?) bei KritikerInnen (wie dir, der Welt?) „schlecht ausfallen würde“ ist eine bemerkenswerte These, deren Beweis auch mit riesenhaft homogenen Freundeskreis kaum zu erbringen sein wird. „Originalität“ und „Alternativität“(sic!) als gelebte Kritik an Texten ist seltsam (vlt ironisch?) und als expliziter Vorwurf nur vor dem Hintergrund der emotionalen Verstrickung (?) des Autors (dich) in die Ausläufer d. tuchfühlungsmikrokosmos zu verstehen – für die Katz und für mich zu streichen.
    Viel interessanter finde ich, dass Du ,weniger ätzend dafür aber leider auch pauschaler, von „vielen Fehlern“ in tuchfühlung und in meiner „Kritik“ am heft sprichst. Vielleicht kannst Du noch einmal an Beispielen konkretisieren, was genau deinen Nerv getroffen hat und den Text eigentlich kommentarwürdig macht.
    Feststehen sollte, dass ich Nichts, wie von dir gefordert „bessermachen“ – „der redaktion unter die arme greifen“ will. Mein Besser ist Schlechter und damit gemacht, der Redaktion das Gegenteil, nämlich Steine in deren grünsten Garten zu legen.

    Dein Frechi

  3. 3 Michael 06. November 2007 um 21:30 Uhr

    In Kürze:

    „exkaputtgehen“ ist wohl eine tolle Sache, nur eben nicht zu haben. Zumindest gelang es mir nicht herauszufinden wo, als ich Nr. 1 im hiesigen Uni-Radio in die Finger bekam. Das gibt dem Ganzen einen elitären Anschein, wenn man nun hier (und darin) das kritisiert, was überall zu haben ist – nämlich „tuchfühlung“.
    Was uns zur Kritik „aus Prinzip“ bringt. Der Kampf der Sub-Kultur gegen die Massen-Kultur mit all ihren Grenzverwischungen und Unschärfen.. ist mir zu anstrengend. Besser mal sagen, schön, dass ihr überhaupt was macht, aber das und das ginge besser. Das habe zumindest ich in einem von der Redaktion bereitgestellten Online-Formular ausgiebig und ganz und gar nicht zimperlich gemacht.
    So sollte denn auch meine Kritik zur Kritik zu verstehen sein und die Katze beißt sich gerade in den Schwanz, schon klar. Das hat nichts mit Bloggen zu tun – soll machen wer mag, tut’s ja auch – das hat was damit zu tun, dass die Stadt ohnehin wenig kreativ-produktives Jungvolk hat und dieses sich nun nicht noch gegenseitig in die Suppe spucken sollte.
    Vielleicht habe ich auch unrecht und Konkurenz belebt den Kulturbetrieb? Vielleicht bringt öffentliche Kritik auch mehr, als direkte? Wer weiß.
    Fakt ist, dass Uni und Stadt ein, wohlgemerkt gutes, Campusmagazin gut brauchen können. Das zu bekommen ist aber eben nicht so einfach, wie man sieht.

    Beste Grüße!

    P.S.: „Fehler“ bezog sich übrigens auf’s Grammatisch-Ortographische, dessen Überprüfung wohl auch in meinem Text Funde brächte.

  4. 4 mös 07. November 2007 um 0:32 Uhr

    re

  5. 5 Chemnitzblogger 08. Februar 2009 um 19:35 Uhr

    Guter Artikel und sehr viel wahres dran! Habe im Chemnitzblog ja die aktuelle Ausgabe der TF zum Thema Karriere unter die Lupe genommen, mit äußerst gemischtem Ergebnis: Finde es schade dass viele Artikel in dem Heft augenscheinlich vom Schreibtisch aus recherchiert werden, statt dass die Redakteure mal vor die Tür gehen und Chemnitz mit eigenen Augen (Reportage!!) betrachten und dann darüber aus erster Hand schreiben. Und Karriere ist als Thema – so wie es behandelt wurde – leider auch völlig totgetreten! Umso kurioser dass sich die Macher in einem Kommentar so deutlich vom PR-Blatt Unispektrum abgrenzen, finde die Übergänge sind da eher fließend.
    Grüße vom Chemnitzblogger

  1. 1 | jaegerzaun Pingback am 19. Juni 2008 um 23:53 Uhr
  2. 2 Der Volksverdummungsteufel ist ein spackiger Schwarzer | jaegerzaun Pingback am 19. Juni 2008 um 23:58 Uhr

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